• Olav Bouman

Was mich wirklich nervt?

Als Rollstuhlfahrer müssen müssen!



Könnt Ihr Euch vorstellen, wenn Ihr unterwegs seid und ganz ganz dringend müsst und kein Klo frei ist? Die Frauen unter Euch werden das wahrscheinlich besser verstehen, denn vor Frauen-Klos bilden sich fast immer recht lange Schlangen. Ich bin noch nicht hinter das Geheimnis gekommen, warum das so ist, aber nach 42 Jahren Partnerschaft mit der für mich perfekten Frau, habe ich so meine Vermutungen.


Als Mann, kennt man diese Erfahrung eigentlich nicht wirklich. In öffentlichen Männer-Klos ist ein stetiges kommen und gehen und ähnlich wie beim Einkaufen, geht die ganze Prozedur ziemlich easy und zackig ab. Vielleicht hat das den Berliner Senat dazu gebracht, sich über Frauen-Urinale in öffentlichen Gebäuden Gedanken zu machen, wobei mir die Vorstellungskraft…na ja, lassen wir das mal lieber.


Als Vielreisender und Globetrotter war das auch für mich früher so. 1,2,3 und vorbei. Doch seit ich mit dem Rollstuhl unterwegs bin, hat sich das massiv geändert. Ich habe mich quasi zu einem humanen Zwischenwesen entwickelt, was die Keramikabteilungen in Flughäfen, Autobahnraststätten oder Einkaufzentren betrifft. Auch Kirchen und Museen sind spannende Orte für Rollstuhlfahrer, wenn es um das Geschäft mit dem Geschäft geht. Wir männlichen Rollifahrer müssen häufiger und mindestens so dringend wie Frauen.


Es gibt viel zu beachten, wenn man als Rollstuhlfahrer mal muss. So musste ich erst nach Dresden kommen und dort die kurfürstliche Kirche besuchen, damit ich erfuhr, dass es einen Euro-Schlüssel für Behindertentoilletten gibt. Der “Aufseher” dort wollte mich erst nicht auf die Toilette lassen, weil ich keinen solchen Schlüssel hatte. Der Rollstuhl und der Behinderrtenausweis mit Merzkzeichen aG, B und einem GdB von 100, war ihm eigentlich nicht genug. Ich denke es wurde ihm im Gespräch, das mit dem verstreichen der Minuten zusehends eindringlicher wurde, aber klar, dass ich zur Not auch Gewalt in Form meines Stockes anwenden würde, wenn er mich nicht endlich reinlassen würde.

Interessant sind auch bauliche Geniestreiche mit zu schmalen Türen oder dem WC Raum selbst, der so klein ist, dass man vielleicht noch rein- aber auf keinen Fall mehr alleine rauskommt. Von einer eventuell benötigten Begleitperson, gar nicht zu reden. Und auch Rollstuhlrampen mit Steigungswinkeln, die selbst ein rollstuhlfahrender Paralympics Teilnehmer nicht erklimmen könnte.


Was mich aber wirklich auf die höchste Palme bringt: ich stehe gequält und mit der Gefahr “undicht” zu werden, verzweifelt vor einer besetzten Behindertentoilette und wenn nach 10 Minuten endlich die Tür aufgeht, kommt ein hipper 16 jähriger oder ein top gestylter Dressman aus der Kabine, der garantiert nicht behindert ist und einfach keine Lust hatte auf das normale Klo zu gehen (weil unsere Klos im Schnitt eben doch größer und oft auch erheblich sauberer sind). Ein englischsprachiger Businessmen hat mir mal gesagt, dass die Behindertentoiletten einfach größer sind und man sich darin prima umziehen könne. Ihm und seinem Rollkoffer habe ich dann eine besondere Kostprobe kurpfälzischer Freundlichkeit gewidmet. Shocking.


Besonders freut mich auch die Aussage “ich musste nur kurz mal pinkeln” o.ä. “Nur mal kurz”, scheint ein im deutschen Sprachraum gängige Generalvollmacht für alles mögliche zu sein, was man als kultivierter Mensch nicht tut.


Ich kann sehr gut verstehen, dass öffentliche Toiletten nicht immer Anlass zu übermäßiger Begeisterung geben. Auch alten, gebrechlichen Menschen und für Mütter die schnell mit einem kleinen Kind eine Toilette brauchen, lasse ich gerne den Vortritt. Auch vielen Menschen mit Blasen- und Darmproblemen, sieht man ihr Leiden nicht sofort an. Aber an alle sonstigen nichtbehinderten oder nichtkranken Menschen da draußen: bitte, lasst uns die Behinderten WCs und besetzt sie nicht aus Bequemlichkeit. Wenn es für Euch schon schwer ist eine freie Toilette zu finden, dann stellt Euch mal vor, was für ein Suchspiel das für uns ist. Wir sind auf diese Einrichtungen wirklich angewiesen und ihr macht uns das Leben wirklich leichter, wenn ihr diese Toiletten nicht besetzt.


Vielen Dank!



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